Wilhelm von Humboldt - Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung e.V.

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Wilhelm von Humboldt

Wilhelm von Humboldt
(22.06.1767 - 08.04.1835)




Sein Leben und Wirken

1787 begann Wilhelm an der Universität Frankfurt/Oder ein juristisches Studium. Im Folgejahr wechselte er an die Universität Göttingen, die damals hinsichtlich des wissenschaftlichen Denkens die fortschrittlichste Universität im Deutschen Reich war. In Göttingen vertiefte er seine Kenntnisse vor allem in der Altertumswissenschaft und der Philosophie. Von besonderer Bedeutung für seine späteren Sprachforschungen waren die Vorlesungen bei dem Philologen Christian Gottlob Heyne (1729-1812). Das Studium wurde bereichert durch zwei Bildungsreisen, von denen die eine im Herbst 1788 durchgeführte "Reise ins Reich" in die Gegenden an Rhein und Main, die andere im Sommer 1789 über das niederrheinische Industriegebiet nach Paris führte, wo Wilhelm die Anfangsereignisse der französischen Revolution mit kritischem Blick verfolgte. Das hauptsächliche Ziel der Bildungsreisen bestand für ihn darin, namhafte Vertreter des deutschen und ausländischen Geisteslebens aufzusuchen und durch Diskussionen mit ihnen die eigenen Einschätzungen und Erkenntnisse zu vertiefen sowie zu schärfen. Weiterhin wollte sich Wilhelm an den jeweiligen Aufenthaltsorten über die gesellschaftlichen und sozialen Zustände informieren und daraus Grundsätze für politische Reformen entwickeln, die angesichts der mittlerweile in Preußen durch das im Sommer 1788 erlassene Religionsedikt mit seinen antiaufklärerischen Tendenzen dringend geboten erschienen. Durch die kritischen Gespräche, die er auf den beiden Bildungsreisen insbesondere mit Christian Konrad Wilhelm von Dohm, der inzwischen als preußischer Gesandter am Niederrhein amtierte, und dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) in Düsseldorf und dem damaligen Mainzer Oberbibliothekar Georg Forster (1754-1794) führte, entwickelte sich in seinem Denken eine Abkehr von dem durch den Staat bestimmten Glückseligkeitsprinzip zugunsten einer Neuorientierung auf die geistigen Kräfte des Individuums.

Zu Beginn des Jahres 1790 trat Wilhelm als Referendar in den juristischen Verwaltungsdienst in Berlin ein. Er durchlief die Ausbildungsstationen mit gutem Erfolg und erwarb nebenher durch Mithilfe des Staatsministers Ewald Friedrich Graf von Hertzberg (1725-1795) den Titel eines Legationsrates, der ihm ermöglichte, später in den diplomatischen Dienst einzutreten. Im Juni 1791 verließ er den Referendardienst ohne die Abschlussprüfung. Der Grund ist wohl hauptsächlich in der Erkenntnis zu sehen, dass es für seine inzwischen entwickelte liberale Staatsauffassung in dem restaurativen System des Ministers Johann Christoph von Woellner (1732-1800) keine Zukunftsaussichten gab.

Im Sommer 1791 heiratete Wilhelm von Humboldt in Erfurt Karoline von Dacheroeden (1766-1829), die Tochter des vormaligen preußischen Kriegs- und Domänenkammer-Präsidenten Carl Friedrich von Dacheroeden (1732-1809). Karoline war eine selbstbewusste Persönlichkeit, die mit Feinsinn, Kunstverstand, Lebenstüchtigkeit und ihrer Fähigkeit zu gesellschaftlicher Repräsentation die berufliche Tätigkeit ihres Mannes wirkungsvoll unterstützte. Nach der Hochzeit lebten die jungen Eheleute ein halbes Jahr auf dem Gut Burgörner bei Hettstedt, das Wilhelms Schwiegervater gehörte. Dort entstand im Winter 1791/92 Wilhelms programmatische politische Schrift: "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen" in der Urfassung. Die Endfassung wurde im Frühsommer in Erfurt fertiggestellt. Wegen der inzwischen rigide verfahrenden preußischen Zensur wurden nur vier Kapitel als einzelne Aufsätze veröffentlicht, die aber die Brisanz der Gedankengänge in der Gesamtschrift nicht vermitteln konnten. In den folgenden Jahren wohnten die Eheleute vorwiegend in Erfurt und Jena. Über die Familie von Dacheroeden eröffnete sich für Wilhelm der Zugang in den Kulturkreis von Weimar, der sein Denken ungemein bereicherte. So ergaben sich eine enge persönliche Freundschaft und ein intensiver geistiger Gedankenaustausch mit Friedrich von Schiller (1759-1805) und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Zugleich entstand ein reger fachlicher Briefwechsel mit dem Hallenser klassischen Philologen Friedrich August Wolf (1759-1824), wodurch sich in Wilhelm, den bereits als jungen Mann in Berlin die Beschäftigung mit der Antike fasziniert hatte, die Vorstellung von der Bildung der Individualität weiter entfaltete und festigte. Daraus ergab sich, dass ihm das Altertum nicht nur poetische Anreize bot, sondern auch die politisch-gesellschaftlichen Zustände im alten Griechenland für ihn ein übertragbares, aber auch die kritische Auseinandersetzung förderndes Denkmodell darstellten.

Nach einem längeren kostspieligen Aufenthalt der Familie in Paris und Reisen nach Spanien und in das Baskenland (1797-1800) sah sich Wilhelm veranlasst, um eine Beschäftigung im Staatsdienst nachzusuchen. Es gelang ihm, 1802 die Leitung der preußischen Gesandtschaft in Rom übertragen zu bekommen. Dort konnten Karoline und Wilhelm die zahllosen kulturellen Schätze dieser Stadt entdecken und genießen. 1808, nach Auflösung des Kirchenstaates durch Napoleon, kehrte Wilhelm von seinem überflüssig gewordenen Gesandten-Posten nach Deutschland zurück und wurde als Geheimer Staatsrat Leiter der Sektion für Kultus und Unterricht im Ministerium des Inneren. Es war Karl Reichsfreiherr von und zum Stein (1757-1831), der, nachdem er auf Befehl von Napoleon I. (1769-1821) im Jahre 1808 seines Amtes als leitender Minister enthoben worden war, Wilhelm von Humboldt für ein Regierungsamt empfohlen hatte, weil er dessen liberale politische Auffassungen kannte. Unter dem Grundsatz: „Bildung ist Selbstbildung, die keiner für einen anderen erbringen kann" initiierte Wilhelm von Humboldt bahnbrechende Reformen im Bildungswesen und schuf die Grundlagen für das neue preußische Bildungsmodell mit den drei Stufen: (1.) Elementarschule mit Allgemeinbildung für alle und Chancengleichheit für jedes Kind, (2.) Gymnasium mit Reifeprüfung als Zulassung zum Studium und (3.) Universität mit Staatsexamen. Die 1809 auf seine Initiative hin gegründete Berliner Universität konzipierte er als Reformuniversität mit den Prinzipien: Einheit von Forschung und Lehre, freie Wissenschaft um ihrer selbst willen und Persönlichkeitsformung. Er berief die tüchtigsten Professoren Deutschlands nach Berlin. Trotz schwierigster Finanzlage des Staates (30% Inflation!) bewilligte ihm König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) die erforderlichen Geldmittel.

Im Verlauf der anschließenden Tätigkeit als preußischer Gesandter in Wien war Wilhelm von Humboldt während des Wiener Kongresses zur Neuordnung Europas neben dem Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg (1750-1822) der Verhandlungsführer Preußens. Anschließend vertrat er Preußen auf weiteren Konferenzen, die die politische Neuordnung in Deutschland und Europa festigen und nach den napoleonischen Kriegsjahren den Frieden sichern sollten. Seine liberalen politischen Vorstellungen stießen jedoch immer deutlicher auf den Widerstand restaurativer Adelskreise in Preußen sowie auf die Ablehnung Österreichs. Deshalb wurde er mit dem Gesandtenposten in London sowie zweitrangigen Ämtern beschieden. Nachdem er 1819 für wenige Monate zum "Minister für ständische Angelegenheiten", jedoch mit einem sehr eingeschränkten Geschäftsbereich, ernannt worden war, entließ ihn der preußische König am 31. Dezember 1819 aus dem Staatsdienst. Hierbei war neben seinem Dissens mit Kanzler Hardenberg in der Verfassungsfrage vor allem der Druck der russischen Außenpolitik wirksam; für sie wäre ein Übergreifen von Humboldts Verfassungsdenken auf das durch Personalunion mit Russland verbundene Königreich Polen, das sog. Kongresspolen, ein erhebliches Sicherheitsrisiko gewesen, weil das Herrschaftssystem dort nach Prinzipien des russischen Feudalstaates ausgerichtet war.

In den Folgejahren lebte Wilhelm zumeist auf Schloss Tegel oder seinem Gut Ottmachau in Schlesien, das der König ihm als Dotation für seine Leistungen auf dem Wiener Kongress übertragen hatte. Er betrieb intensive Sprachstudien, so dass er noch bis heute als grundlegender Sprachwissenschaftler gilt. Neben den lebenden europäischen Sprachen erforschte er auch eine Vielzahl historischer Sprachen und verschiedene Eingeborenen-Idiome Amerikas sowie asiatische Sprachen. Sein Bestreben war es nach den Worten seines Bruders Alexander, den "Zusammenhang aller Sprachformen und ihren Einfluss auf die Bildung der Menschheit" zu ergründen. Indem er der Auffassung war, dass "die artikulierte Lautsprache bei allen Menschenarten die entscheidende geistige Kraft" erzeuge, widmete er sich in seinem Sprachstudium gerade der Frage, die politisch zu entfalten ihm die Staatsmacht verwehrte: Wie der Mensch "die höchste und proportionirlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen" erreichen und jeglicher Fremdbestimmung entgehen kann.

Erst in den letzten Lebensjahren wurden Wilhelm von Humboldt wieder einzelne öffentliche, jedoch politisch völlig einflusslose Ämter angetragen. Kulturell bedeutsam und nachwirkend ist aber, dass er in dieser Zeit die Präsentation der Kunstwerke in Schinkels Museumsbau am Lustgarten konzipierte und dass er die Freundschaft mit Schiller und Goethe durch Briefveröffentlichungen ehrte.

Er verstarb am 8.4.1835 auf Schloss Tegel bei Berlin und wurde dort auch beigesetzt. Die Familie war bemüht, Hinweise auf sein politisches Denken aus den offiziellen Nachrufen und Lebensbeurteilungen fern zu halten. Hinsichtlich seiner liberalen politischen Vorstellungen war Wilhelm von Humboldt im restaurativen Preußen nach 1815 unerwünscht. Die gegenwärtige Gesellschaft indessen muss unbequeme Denker zulassen. Ihr Gedankengut ist vorzüglich geeignet, politische Trägheit und Intoleranz zu verhindern.


(U. von der Burg)


Schloss Tegel, Berlin, ab 1824 bis heute; Karl Friedrich Schinkel baute das Schloss im Stil des Klassizismus
nach den Vorstellungen Wilhelm von Humboldts um.
(Foto: Ulrich von Heinz)

„Denken und Wissen sollten immer gleichen Schritt halten. Das Wissen bleibt sonst tot und unfruchtbar."
„Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Inneren stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun."

Wilhelm von Humboldt

 

 

 
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